Ein Fußball-Idol errinnert sich
30.01.2012 - Julian Grundler
Hans Strittmatter gewann 1959 mit dem FC Singen die Deutsche Amateurmeisterschaft - für einen Einsatz im Nationaltrikot reichte es aber leider nicht.
Keine Ahnung, wie er es geschafft hat. Vielleicht sind es die guten Gene oder das gesunde Leben, das er geführt hat. Vielleicht hat er auch irgendein geheimes Kräuterrezept. Egal. Auf alle Fälle hat Hans Strittmatter dem Alter ein Schnippchen geschlagen, es ausgetrickst, so wie er es früher als Fußballer mit seinen Gegenspielern gemacht hat. Braungebrannt, mit strahlend blauen Augen und unverschämt sportlicher Figur würde Hans Strittmatter auch als End-Sechziger oder knapp darüber durchgehen. Dabei hat er 83 Jahre hinter sich. 83 Jahre, in denen das Singener Fußballer-Idol viel erlebt hat. So viel, dass es ihm schwerfällt, den einen, den ganz besonderen Tag in seinem Sportler-Leben auszuwählen.
Da käme zum einen der 21. Mai 1955 in Frage. Der Tag, an dem Hans Strittmatter mit dem Karlsruher SC nach einem 3:2- Sieg gegen Schalke 04 Deutscher Pokalsieger wurde. Oder vielleicht doch lieber der Auftritt 1953 mit dem KSC im rappelvollen Bernabéu-Stadion in Madrid? Nicht zu vergessen sein Einsatz in Basel 1954, als er im Vorfeld des Länderspiels Deutschland gegen Schweiz mit dem KSC gegen die eidgenössische B-Elf antrat und mit drei Toren die Trainerlegende Sepp Herberger beeindruckte. Alles wunderbare Momente, tolle Erfahrungen und schöne Erinnerungen für einen erfolgreichen Fußballer. Doch ein Tag überstrahlt selbst diese Glanzlichter im Leben des Hans Strittmatter: der 14. Juni 1959. Zehn Jahre nach seinem ersten Engagement beim FC Singen 04 und seinen Gastspielen in Augsburg, Karlsruhe und Frankfurt hat der 31-jährige Stürmer die Chance, mit den Hohentwielern deutsche Fußballgeschichte zu schreiben. In Offenburg steht das Endspiel um die Deutsche Amateurmeisterschaft an.
Gegen Arminia Hannover, das mit seinen ausgebufften Spielern klarer Favorit gegen die unerfahrenen Singener ist. Auch wenn es über 50 Jahre her ist, erinnert sich Hans Strittmatter, als wäre es erst gestern gewesen. An die Fahrt im Reisebus ins Kinzigtal, an die konzentrierten Mienen seiner jungen Mitspieler, an das Mittagessen kurz vor Offenburg, das die meisten eher lustlos hinunterschlingen. Sie wollen ja nur eines: so schnell wie möglich auf den Platz, Fußball spielen, gewinnen, den Pokal in den Händen halten. „Das waren alles ganz junge Burschen, der Fecher Helmut, der Rech Bruno, der Säger Gerhard und wie sie alle hießen“, sagt Strittmatter, der damals Spielführer war, über seine Singener Mitspieler. „Unerfahren waren sie. Aber eines hatten diese Jungs: den unbedingten Willen zum Sieg.“ Um 15 Uhr ist es soweit: Anpfiff im Kinzig-Stadion vor 9000 Zuschauern. 6000 davon sind aus Singen, sind ihrer Mannschaft nachgereist, obwohl das Endspiel im Fernsehen übertragen und im Hörfunk von der Reporter-Legende Rudi Michel kommentiert wird. Und die Singener Fans haben früh Grund zum Jubeln. Gerade mal zwölf Minuten sind gespielt, als sich Hans Strittmatter an die Worte seines ersten Trainer namens Brückner erinnert: „Der hat mir irgendwann mal gesagt: Schieß einfach aufs Tor. Manchmal geht er rein.“
Und Strittmatter schießt, aus 25 Metern, flach am Torwart vorbei: 1:0 für den FC Singen 04, der noch zwei weitere Tore erzielt in diesem Spiel, am Ende aber gewaltig zittern muss, bis der 3:2-Sieg feststeht. Was danach folgt, wird Strittmatter in seinem ganzen Leben nicht vergessen. „Das war unbeschreiblich: der Jubel auf dem Platz, die Heimfahrt und dann die Ankunft in Singen, wo wir in offene Autos umgestiegen sind und von 30 000 Menschen empfangen wurden“, sagt Strittmatter über den Höhepunkt seiner Karriere. Die hätte sogar noch glanzvoller verlaufen können. Immerhin stand Strittmatters Name im Notizbuch von Sepp Herberger. Zu mehr als ein paar Lehrgangs- Einladungen und einer anhaltenden Freundschaft mit Fritz Walter hat es zwar nicht gereicht. Strittmatter hadert deswegen aber nicht mit der Vergangenheit.
Auch nicht damit, dass er Mitte der 50er Jahre Angebote von namhaften Vereinen ausgeschlagen hat. Nicht seiner Frau Lissi wegen, die sogar noch ein halbes Jahr älter ist als er, schon aufrecht stehen konnte, „als der Hans noch auf dem Boden gekrabbelt ist“. Sie hätte sofort mit ihm die Zelte abgebrochen, wäre ihrem Mann überallhin gefolgt, obwohl ihr Großvater sie immer vor den zwielichtigen Fußballern gewarnt hatte: „Was willst du denn von diesen Mausfallen-Händlern. Die können sich ja nicht mal lange Hosen leisten.“ Doch Hans Strittmatter war kein Abenteurer. Ihm war die Sicherheit für seine Familie wichtiger, die Geradlinigkeit im Leben, so wie ihm im Fußball das schnörkellose Spiel nach vorne lieber war als „das ewige Hin und Her“ ohne Zug zum Tor. „Die Kinder waren viel zu klein damals, um herumzureisen“, nennt er den Grund, „deshalb bin ich hiergeblieben.“ Gut so. Vielleicht hätte er ja irgendwo anders mehr Geld verdient. Vielleicht. Aber diesen einen, diesen ganz besonderen Tag mit dem FC Singen 04, den
Quelle:Südkurier
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